
11.10.2026
Wer malt hier eigentlich was? Rollenklärung im Team
Warum sehen Rollenprobleme so oft wie Charakterprobleme aus?
Wo Rollen unklar sind, suchen Menschen die Ursache bei Personen, weil man Personen sehen kann und Strukturen nicht.
In vielen Teams hört man Sätze wie: „Der Kollege mischt sich überall ein.“ Oder: „Sie fühlt sich für nichts zuständig.“ Das klingt nach Charakter. Mal ehrgeizig, mal bequem, mal schwierig. Und so wird es dann auch behandelt: mit einem Gespräch unter vier Augen, einem Appell an die Teamfähigkeit, gelegentlich mit einer Versetzung.
Die systemische Sicht stellt eine andere Frage. Nicht: Was stimmt mit diesem Menschen nicht? Sondern: Welche Aufgabe erfüllt sein Verhalten in diesem System? Wer sich überall einmischt, füllt vielleicht eine Lücke, die niemand offiziell besetzt hat. Wer sich für nichts zuständig fühlt, hat vielleicht nie gesagt bekommen, wofür genau. Das Verhalten ist sichtbar, die Ursache liegt unter der Wasseroberfläche, wie im Eisberg-Modell.
Das heißt nicht, dass Persönlichkeit keine Rolle spielt. Aber wer jeden Rollenkonflikt als Charakterfrage behandelt, wechselt am Ende Menschen aus und wundert sich, dass der Nachfolger nach einem halben Jahr dieselben Probleme hat.
Woran erkennen Sie, dass in Ihrem Team Rollen unklar sind?
Typisch sind doppelt erledigte Aufgaben, liegengebliebene Aufgaben und Diskussionen, die sich um Zuständigkeit drehen statt um die Sache.
Einige Hinweise aus dem Teamalltag:
- Zwei Personen bereiten unabhängig voneinander dieselbe Präsentation vor.
- Eine Aufgabe bleibt liegen, und hinterher wussten alle, dass sie da war.
- In Besprechungen wird länger darüber geredet, wer etwas entscheidet, als über die Entscheidung selbst.
- Einzelne haben inoffizielle Rollen übernommen, die nirgends stehen: die Person, die immer das Protokoll schreibt, der Kollege, bei dem alle Beschwerden landen.
- Nach einer Umstrukturierung oder einem Führungswechsel hält sich jeder an seine alte Stellenbeschreibung, obwohl sich die Arbeit längst verändert hat.
Der letzte Punkt ist besonders verbreitet. Eine Stelle steht im Organigramm, eine Rolle entsteht im Zusammenspiel. Das eine kann man ausdrucken, das andere muss man aushandeln.
Wie macht Kunst Rollen sichtbar?
Auf einer gemeinsamen Leinwand werden Zuständigkeiten zu Flächen und Schnittstellen zu Übergängen, die man anschauen und besprechen kann.
Illustratives Beispiel: Ein Team arbeitet gemeinsam an einem großen Bild, das aus mehreren Leinwänden besteht. Jede Person bekommt eine eigene Fläche. Die Aufgabe ist einfach: Am Ende soll ein zusammenhängendes Bild entstehen. Die spannende Frage stellt sich ziemlich schnell von selbst. Wer malt eigentlich die Übergänge zwischen den Flächen?
Manche malen bis exakt an die Kante und keinen Millimeter weiter. Andere greifen beherzt in die Nachbarfläche hinein. Wieder andere warten, bis jemand anderes den Anfang macht, und passen sich dann an. Niemand muss das kommentieren. Es ist zu sehen.
Im anschließenden Coaching wird das Bild zum Gesprächsanlass: Wo im Arbeitsalltag malen Sie bis an die Kante? Wo greifen Sie in fremde Flächen ein, und wie kommt das bei den anderen an? Welche Übergänge malt bei Ihnen schon heute niemand? Über ein Bild lässt sich leichter reden als über eine Kollegin. Und genau dieser Umweg führt oft schneller zur Sache als das direkte Gespräch, das alle seit Monaten vermeiden.
Kunst ist dabei nicht das Universalwerkzeug für Rollenklärung. Sie ersetzt nicht den Erwartungsabgleich, in dem jede Rolle konkret beschrieben und mit den anderen abgestimmt wird. Aber sie öffnet die Tür zu diesem Gespräch, und manchmal ist das der schwierigste Teil.
Wie läuft eine Rollenklärung mit ART.in.use. ab?
ART.in.use. verbindet systemisches Teamcoaching mit künstlerischen Modulen in drei Schritten: Bestandsaufnahme, Coaching mit künstlerischen Elementen und künstlerische Verankerung.
- Systemische Bestandsaufnahme: Welche Rollen gibt es offiziell, welche inoffiziell, und wo knirscht es?
- Coaching mit künstlerischen Elementen: Rollen und Schnittstellen werden im gemeinsamen Gestalten sichtbar und anschließend besprochen. Daraus entsteht ein Erwartungsabgleich, den das Team selbst formuliert.
- Künstlerische Verankerung: Am Ende steht ein gemeinsames Werk, das an die getroffenen Vereinbarungen erinnert, auch dann noch, wenn das Flipchart längst entsorgt ist.
Das kompakte Format Teamcoaching mit Kunst dauert ein bis zwei Tage. Besonders gefragt ist Rollenklärung bei neu zusammengestellten Führungsteams und nach Fusionen, wenn zwei Organigramme aufeinandertreffen und keines mehr so richtig stimmt.
Am Bau nennt man so etwas übrigens Schnittstellenkoordination. Im Team nennen wir es: miteinander reden. Mit Pinsel in der Hand geht das erstaunlich gut.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Stelle und Rolle?
Die Stelle beschreibt, wofür jemand formal eingestellt ist. Die Rolle beschreibt, was andere im Alltag tatsächlich von dieser Person erwarten und was sie selbst daraus macht. Beides kann weit auseinanderliegen.
Wann ist eine Rollenklärung sinnvoll?
Wenn Aufgaben doppelt oder gar nicht erledigt werden, wenn Konflikte sich um Zuständigkeiten drehen, nach Führungswechseln, Umstrukturierungen oder Fusionen und wenn ein Team neu zusammengesetzt wird.
Muss man für die künstlerischen Module malen können?
Nein. Es geht nicht um schöne Bilder, sondern darum, was beim gemeinsamen Gestalten sichtbar wird. Talent ist eher hinderlich, weil man sich dann zu sehr auf das Ergebnis konzentriert.
Weiterlesen
Dieser Artikel beruht auf systemischen Grundlagen der Teamentwicklung und eigener Praxiserfahrung. Das gezeigte Vorgehen ist ein illustratives Beispiel, kein Kundenfall. Weiterführend: Das Eisberg-Modell im Teamcoaching und Systemische Teamentwicklung.
Götz Friedewald ist Künstler, zertifizierter systemischer Team-Coach und Kreativtrainer. Vor seiner Zeit als Maler war er rund acht Jahre Architekt, seit 2005 arbeitet er mit FIRMEN MALEN mit Teams an der Leinwand. Mit ART.in.use. begleitet er heute Teams und Führungsteams in Veränderungsprozessen, mit systemischem Team-Coaching und künstlerischen Modulen.

