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16 Aug., 2026

"Das wird sich schon einrenken" – der teuerste Satz im Teamalltag. Warum frühes Eingreifen bei Konflikten entscheidend ist.

Konflikte im Team gehören zum Arbeitsalltag – das weiß jede Führungskraft. Trotzdem zögern die meisten, wenn es ernst wird. Dieser Artikel zeigt, warum frühes Eingreifen entscheidend ist, wie man Konflikte richtig einordnet und welche Methoden wirklich helfen.

Der teuerste Satz im Teamalltag

"Das wird sich schon wieder einrenken." Wer Führungskräfte befragt, die mit schwelenden Teamkonflikten konfrontiert sind, hört diesen Satz erstaunlich häufig. In manchen Fällen stimmt er sogar. Aber in den meisten Fällen? Tut er es nicht. Was sich nicht einrenkt, renkt sich fest – und kostet dann ein Vielfaches des Aufwands, den eine frühe Intervention gekostet hätte.

Konflikte im Team sind kein Versagen. Sie sind Normalität. Überall dort, wo Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, Erwartungen und Arbeitsweisen zusammentreffen, entstehen Reibungspunkte. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Konflikte entstehen, sondern wie man mit ihnen umgeht – und wie schnell.

Nicht jeder Konflikt ist gleich: Eine nötige Unterscheidung

Bevor man irgendetwas unternimmt, lohnt sich ein Moment der Diagnose. Die Organisationspsychologin Karen Jehn unterschied in ihrer einflussreichen Forschung drei Konflikttypen:[1]

  • Aufgabenkonflikte entstehen, wenn Teammitglieder unterschiedliche Ansichten darüber haben, wie etwas erledigt werden soll.
  • Beziehungskonflikte betreffen das persönliche Miteinander – hier geht es nicht mehr um die Sache, sondern um den Menschen.
  • Prozesskonflikte drehen sich um Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten: Wer entscheidet was? Wer ist wofür zuständig?

Warum das relevant ist: Ein sachlicher Aufgabenkonflikt, der produktiv geführt wird, kann Innovation fördern. Derselbe Konflikt, der sich zur Beziehungsebene verlagert, ist toxisch.

Früherkennung: Konflikte sehen, bevor sie eskalieren

Teamkonflikte kündigen sich an. Das Problem ist nur: Die Signale sind leise, bevor sie laut werden. Einige Zeichen, die in der Praxis häufig auftreten, lange bevor ein Konflikt explizit ausgesprochen wird:

  • Meetings, in denen auffallend wenig diskutiert wird – nicht weil alle einverstanden sind, sondern weil niemand mehr Energie investieren möchte
  • Eine spürbare Verhärtung der Kommunikation: Nachrichten werden kürzer, formaler, kühler
  • Informelle Gespräche finden nicht mehr statt
  • Jedes Teammitglied beschreibt in Einzelgesprächen eine komplett andere Version der Realität

Das Harvard-Konzept: Interessen statt Positionen

Für die Bearbeitung von Konflikten hat sich das Harvard-Konzept als besonders wirksam erwiesen.[2] Die zentrale Idee: Weg von den Positionen, hin zu den Interessen.

Eine Position ist, was jemand fordert. Ein Interesse ist, warum er es fordert. Zwei Teammitglieder streiten darum, wer ein Projekt leitet – das ist ihre Position. Dahinter steckt vielleicht, dass es dem einen um Sichtbarkeit geht und dem anderen um Kontrolle über den Prozess. Diese Interessen lassen sich verbinden. Positionen prallen aufeinander.

Konkret für Führungskräfte: Fragen stellen, statt Lösungen vorzuschlagen. „Was ist dir an diesem Thema wirklich wichtig?" bringt mehr als „Ich schlage vor, dass ihr euch einigt auf…"

Wann Gespräche reichen – und wann externe Hilfe nötig ist

Ein strukturiertes Einzelgespräch mit jeder Konfliktpartei, gefolgt von einem gemeinsamen Klärungsgespräch, löst viele Konflikte – sofern sie nicht zu lange geschwelt haben.

Externe Mediation ist sinnvoll, wenn:[3]

  • die Führungskraft selbst Teil des Konflikts ist
  • die Emotionen so hochgekocht sind, dass konstruktive Gespräche nicht mehr möglich erscheinen
  • wiederholte interne Gesprächsversuche gescheitert sind

Was nach dem Konflikt kommt – und warum das oft vergessen wird

Konflikte hinterlassen Spuren. Selbst wenn ein Gespräch erfolgreich war und alle Beteiligten aufgeatmet haben – das Vertrauen ist nicht automatisch wiederhergestellt. Es braucht Zeit und konkrete Erfahrungen, die das neue Miteinander festigen.

Studien belegen: Ungelöste oder schlecht bearbeitete Konflikte führen zu messbarem Leistungsabfall, erhöhtem Krankenstand und höherer Fluktuation.[4] Die Kosten des Wegschauens sind also sehr real – auch wenn sie im Controlling niemand erfasst.

Darum ist Follow-up keine Kür, sondern Pflicht: Ein kurzes Nachgespräch nach zwei Wochen – „Wie läuft es? Halten die Vereinbarungen?" – signalisiert, dass es ernst gemeint war.

Konfliktkultur als Führungsaufgabe

Am Ende ist Konfliktmanagement nicht nur eine Technik, die man einsetzt, wenn es brennt. Es ist eine Frage der Teamkultur. Teams, in denen Meinungsverschiedenheiten offen ausgesprochen werden dürfen, lernen schneller, entscheiden besser und halten länger zusammen.

Diese Kultur entsteht nicht durch ein Seminar. Sie entsteht durch das tägliche Verhalten der Führungskraft. Wer selbst Widerspruch aushält, wer Konflikte benennt statt sie zu umschiffen, wer nach einem schwierigen Gespräch zeigt, dass die Beziehung intakt ist – der schreibt die Spielregeln.

Quellen

  1. Jehn, K. A. (1995). A multimethod examination of the benefits and detriments of intragroup conflict. Administrative Science Quarterly, 40(2), 256–282. https://doi.org/10.2307/2393638
  2. Fisher, R., Ury, W., & Patton, B. (2011). Getting to Yes: Negotiating Agreement Without Giving In (3rd ed.). Penguin Books. [Deutsch: Das Harvard-Konzept, Campus Verlag]
  3. Glasl, F. (2010). Konfliktmanagement: Ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater (9. Aufl.). Haupt Verlag / Freies Geistesleben.
  4. De Dreu, C. K. W., & Weingart, L. R. (2003). Task versus relationship conflict, team performance, and team member satisfaction: A meta-analysis. Journal of Applied Psychology, 88(4), 741–749. https://doi.org/10.1037/0021-9010.88.4.741

Autor: Götz Friedewald

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